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Fehler des Seins
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Fehler des Seins


Es ist Gegenwart für diejenigen, die es erlebt haben, Zukunft, für die, die es erleben und Fiktion für die, die keine Opfer waren. Mobbing. Ich weiß nicht warum ich hier schreibe, vielleicht um zu verarbeiten, zu verhindern dass ich vergesse. Ich weiß es nicht. Aber ich muss. Alles begann in der Grundschule. Ich war sehr beliebt und hatte viele Freunde. Eine tolle Familie und wohnte in einer schönen Gegend. Meine Lehrerin war wirklich sehr nett. Doch sie begann den ersten Fehler. In meiner Klasse (ich war in der 3.) saß ein Junge. Ich nenne ihn Tom. Tom war unser Klassenclown. Und ich hatte das Pech die ruhigste aus der Klasse zu sein. Und die Lehrerin setzte uns nebeneinander. Ich bekam die Aufgabe auf ihn aufzupassen. Da begann ich meinen zweiten Fehler. Ich hörte auf sie, denn ich wollte auch ihr gefallen, nicht nur meinen Freunden. Und jedes Mal wenn Tom etwas machte, was falsch war, ermahnte ich ihn. Natürlich hörte er nicht auf mich. Also begann ich meinen dritten Fehler. Ich petzte der Lehrerin. Denn ich wollte meine Ruhe haben und natürlich glänzen. Bis ich die Grundschule verließ, blieben wir nebeneinander sitzen.

 

Dann kam ich in die Hauptschule. Und hier passierte der vierte Fehler. Meine neue Lehrerin setzte mich, oh welche Überraschung, neben Tom. Dieser war nämlich auch auf meiner Schule. Bis hierhin ahnte ich nicht, wie sehr Tom es hassen musste neben mir zu sitzen, aber an diesem Tag spürte ich es. Seine Blicke verrieten mir alles. Getreu meinen Gewohnheiten, nahm ich mein altes Hobby wieder auf und spielte den Klassenwächter. Ich wollte erste Sahne sein, die Beste und beliebteste bei den Lehrern. Und Freunde haben natürlich auch. Also petzte ich weiter. Meldete alles was verboten war und riss eine Show nach der anderen. Dann begann ich meinen fünften Fehler. Ich war gut in der Schule. Um nicht zu sagen Klassenbeste. Dank meiner Eltern konnte ich alle Mappen auswendig und schrieb nur Einsen und zweien. Irgendwann fing Tom an mich zu hänseln. Mit meinem Namen fing es an – dann wurden Behauptungen aufgestellt. Ich würde stinken und ständig Grimassen ziehen. Und wie laufe ich denn bloß? Wie eine Gans. Anfangs dachte ich mir nichts dabei. Alles nur Spaß, das hört bald wieder auf. Er will sich nur rächen. Und ich begann meinen sechsten Fehler. Ich fuhr voll drauf ab. Ich wehrte mich und versuchte die Dinge wieder klarzustellen und – natürlich lief ich zum Lehrer. Dieser wiederum sprach mit Tom. Aber der fand einfach nur Spaß daran. Obendrein war Tom auch noch beliebt in der Klasse. Und ich begann meinen siebten Fehler. In meiner Klasse waren drei Mädchen – unterste Schicht – aber höllisch interessant. Sie machten Dinge, die ich nie durfte, waren einfach anders. Ich schloss mich ihnen an und wollte endlich auch mal anders sein. Das Brav – sein hatte ich satt. Ab nun lief einer nach dem anderen dazu über, meine ausgewählte Gruppe und am allermeisten mich zu mobben.

 

Da waren wir schon in der 6. Klasse. Liebstes Hobby wurde es nun mich mit Gegenständen zu beschmeißen. Am liebsten Kugeln aus Spuckröhrchen. Ich erinnere mich bis heute an ihr lachen. Auch die Beleidigungen nahmen mit dem Wortschatz zu. Langsam aber sicher war mich richtig unwohl, ich weiß nicht wie ich es sonst beschreiben soll. Es ist, als ob alles sich in dir zusammenzieht und du nichts weiter bist als ein Hundeschiss auf der Straße. Und dieser Hundeschiss wurde nun auch noch berührt und dann lauthals geschrieen: „Iieh!! Du hast es berührt.“ Jede Berührung raubte mir ein Stück meines Selbst. Nach einiger Zeit war ich wirklich nur noch ein Häufchen. Mehr nicht. Ich hasste jeden Tag, an dem ich zur Schule musste. Nicht hingehen konnte ich nicht. Meine Eltern setzten mich morgens vor der Schule ab und holten mich Mittags wieder ab.

 

Sobald ich weinte, verstärkten die anderen ihre Attacken auf mich. Alle machten mit. Es gehörte einfach dazu. Der Übergang war schleichend. Plötzlich stand ich mit meiner Clique alleine gegen dreißig andere Schüler. Natürlich wendete ich mich an meine Lehrer – doch die konnten mir auch nicht helfen. Nein sie wollten es nicht, denn sie hatten alle Angst vor unserer Klasse. Dazu muss ich sagen, dass wir jeden Monat einen Lehrer vergrault haben, bis uns niemand mehr unterrichten wollte. Ich wandte mich an meine Eltern, doch die konnten auch nicht helfen – sie geben mir die Schuld und gaben den geistvollen Tipp: reagier einfach nicht mehr. Das tat ich. Ich reagierte auf ihre Beleidigungen nicht mehr. Ab da wurde es schlimmer. Es fing an mit Tritten und Haare ziehen. Es war ein mir so unbekannter Schmerz der für sehr lange Zeit nicht enden sollte. Ich werte mich vergebens. Es waren einfach zu viele. Ich hatte das Gefühl jeder wollte mindestens einmal ausprobieren wie man mich gut treten konnte, und wenn ich weinte wurde es schlimmer. Und ich musste weinen, denn es tat so weh. Ich wusste einfach nicht mehr, wie mir geschieht. Meine Clique stand im Hintergrund und schaute zu. Sie hatten Angst selbst Opfer zu werden. Ausgegrenzt waren wir schon lange, doch nur ich war ihr Punchingball. Irgendwann kam einer auf die Idee ich sein Luft. Ah! Was für eine Erholung. Ich war zwar ein nichts, aber ich hatte Ruhe. Nur für kurze Zeit. Dann ging es weiter. Luft zu sein wahr anscheinend nicht spannend genug.

 

Da war ich in der 7. Klasse. Diese Zeit war die schlimmste. Ich hatte niemanden mehr. Meine Clique und ich waren nur ein Zweckbündnis. Wir erlebten viel zusammen – redeten, schwänzten die Schule und kleinerlei anderen Blödsinn. Zusammen war man wenigstens nicht ganz allein. Immer noch aber war ich Klassenbeste. Ich lernte und lernte – nur um mich abzulenken, nicht nachzudenken. Zu diesem Zeitpunkt lernte ich meine Lektion, die ich nie vergessen werde: Zeige nie wie schwach du bist. Ich lies alles über mich ergehen. Sie stopften mir Gras in den Mund und schlugen mich – ich tat und sagte nichts. Meine Augen blieben leer. Sie beschimpften und bewarfen mich – ich ging ihnen davon. Ich kralle meine Nägel ins Fleisch, bis sie bluteten. Die Folter hörte nie auf. Aber ich lernte verbissen. Wenigstens in einem wollte ich gut sein, besser sein und etwas haben, was mir keiner nehmen konnte  - meine Noten. Alles andere hatte ich verloren. Selbst meine Clique verließ mich. An diesen Moment erinnere ich mich genau. Ich stand am Ende des Schulhofes, eine Straßensperre stand dort und ich stütze mich auf ihr ab. Es hatte bereits zum Pausenende geklingelt, doch ich wollte warten, bis alle weg sind. Plötzliche spüre ich einen siedenden Schmerz an meiner Rückseite. Ich reagiere nicht. Der Schmerz kommt fester, härter. Ich beiße mir auf die Lippen. Schließlich drehe ich mich um. Will wissen wer dort steht. Es ist meine Clique. Sie stehen vor mir und grinsen mich an. Ich kann es nicht fassen und versuche zu begreifen. Sie fragen mich: „Na tat´s weh?“ Ich fühlte mich wie leergefegt. Andere Schüler sehen zu. Nur eine spricht ein kurzes Wort mit mir. Ein kleines Licht in all dem dunkel, gegen all den seelischen Schmerz der mir in den letzten Jahren zur Normalität geworden war.

 

Ab der 8. Klasse wurde ich nicht mehr so stark gemobbt. Meine Rechnung war aufgegangen. Das Interesse an mir war gesunken, weil ich ihnen keinen Grund mehr gegeben habe. Ich war so abgebrüht und auch so leer, das ich nichts mehr empfinden konnte. Das Leben hatte keinen Sinn mehr. Alles war schwarz, es gab keine Hoffnung mehr. Und zum ersten Mal, vielleicht war es schon eher – dachte ich daran mich umzubringen. Ehrlich gesagt war – noch nicht einmal dazu war ich mehr zustande. Ich funktionierte einfach nur noch. Doch der kleine Lichtschimmer kehrte zurück. Ich fand eine neue Clique, die mich bei sich aufnahm. Mir langsam half wieder wach zu werden, es war das Mädchen, das mich tröstete als mich meine erste Clique verraten hatte. Endlich roch ich wieder etwas frische Luft. Mit der Zeit wurde es immer besser. Es dauerte lange, bis ich endlich Vertrauen zu meiner neuen Clique fassen konnte. Aber die Angst blieb immer. Jeden Blick, jedes Getuschel wertete ich als Hänselei und Demütigung.  Schließlich hörte es auf. Nicht ganz, niemals, aber die Wogen glätteten sich. Mal hier und mal da kam ein Tritt oder eine Beleidigung. Und ich fühlte mich wie in Trance. Ich begann wieder mich zu wehren. Ein bisschen, ein wenig. Alle Aggression die in mir steckte entlud sich in hilflose Wut. Im Gegensatz zu den Anderen, hatte ich Angst ihnen weh zu tun. Ich dachte, damit tue ich mir nur selbst weh. So war es dann auch meistens.

 

Endlich war ich in der 10. Klasse. Ich hatte meinen festen Platzt in der neuen Clique gefunden. Wir waren nie beliebt, aber als die Unsichtbaren liefen wir einfach mit und passten uns an. Das war unsere Überlebensstrategie. In der 10. Klasse gab es zwei Sachen, die ich nie vergessen werde. Schon fast am Ende der Schulzeit traute sich eine Schülerin mich zu hänseln. Das brachte die Bombe zu platzen. Mit einer unbegrenzten Wut und unglaublicher Kraft stürzte ich mich auf das Mädchen und drosch auf sie ein. Es war wie im Traum. Ich spürte zum ersten Mal dass ich jemanden Schmerz zufügen konnte ohne mich selbst zu verletzten. Denn ich war mir egal. Ich schlug auf sie ein, riss woran ich konnte. Angefeuert durch rufen und klatschen. Endlich kam eine Lehrerin und riss uns auseinander. Es war, als würde ein Feuer in mir brennen. Zusammen mit dieser Lehrerin ging ich über den Schulhof und sie fragte mich ernsten Tones: „Warum hast du das getan? So kenne ich dich gar nicht.“ Tatsächlich kannte sie mich nur als still und zurückgezogen, gut in der Schule. Ich  weiß noch wie ich antwortete „Sind Ihnen fünf Jahre Hänseleien und Demütigungen genug Grund?“ Dann ging ich. Am nächsten Tag kam die Klassensprecherin zu mir und sprach mich an. Im Hintergrund der Rest meiner Klasse. Und als sie den Mund öffnete hörte ich nicht eine Spur Mitleid. „Es tut uns leid, was wir mit dir gemacht haben. Verzeihst du uns?“ Ich wusste nicht, was ich tun sollte, ich gab ihnen einfach das, was sie haben wollten. Ein Nicken. Danach war alles in Ordnung. Für sie.

 

Jetzt noch fast drei Jahre später spüre ich den Schmerz all dieser Jahre in mir. Mein treuester Gefährte ist mein Bett geworden. Meine damalige einzige Zuflucht, wo ich Wärme und Geborgenheit spüren konnte. Ich meide soziale Kontakte ab da wo über fünf Personen zusammen kommen. Vor Fremden in meinem Alter habe ich Angst. Jeden Blick, jedes Wort verstehe ich als Gefährdung meiner selbst. Ich habe das Gefühl, jeder will mir an den Kragen. Freundschaften sind bei mir etwas Besonderes. Ich weiß nicht wem ich trauen kann. Weder Lehrer noch Schüler. Wenn jemand Kritik an mir äußert ist es eine Gefährdung meiner selbst. Doch ich musste lernen. Lernen wieder soziale Kontakte zu knüpfen, zu vertrauen, Gefühle zu zulassen und Kritik anzunehmen. Ein äußerst langer Prozess. Aber all das ist nicht das schlimmste. Ich bin Leer. Leere ist oft das einzige noch, was ich empfinde. Dort ist kein anderes Gefühl. Nur die Extremsten kommen zu mir heran. Alles andere durchlange Übung abgeschaltet. Die negativen Gefühle überwiegen. Jetzt nach drei Jahren wach ich langsam aus meiner Ohnmacht wieder auf und will wieder leben. An vielen Tagen aber auch nicht. Das sind dann die Leeren Tage.






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